Aufbruch in der humanitären Hilfe

Sprecherin der AG Humanitäre
Grundsatzfragen

Bereichsleiter Humanitäre Hilfe,
Frieden und Teilhabe aller

Das Jahr 2025 begann mit heftigen Einschnitten bei der humanitären Hilfe. Die neue US-Regierung unter Donald Trump stellte die Programme der Entwicklungsagentur USAID abrupt ein. 40 Prozent der bisherigen internationalen humanitären Mittel entfielen damit schlagartig, viele Organisationen im Globalen Süden mussten ihre Programme einstellen und Personal entlassen. In Deutschland sind auch VENRO-Mitgliedsorganisationen betroffen. Zusätzlich kürzte die Bundesregierung ihre Mittel massiv – von rund drei Milliarden Euro im Jahr 2023 auf eine Milliarde Euro im Jahr 2025. Das sind gerade einmal 0,2 Prozent des Gesamthaushalt des Bundes.

Laut Umfragen von YouGov und Forsa genießt die solidarische Unterstützung von Menschen in Not weiterhin viel Rückhalt in der deutschen Öffentlichkeit. Dennoch ließ der Haushaltsausschuss des Bundestags die Kürzungen ohne nennenswerte Änderungen passieren – trotz des Versprechens im Koalitionsvertrag, die humanitäre Hilfe „auskömmlich“ zu finanzieren.

Die „Hyperpriorisierung“ – ein Wendepunkt

Gleichzeitig wächst der Bedarf weiter. Laut dem UN-Büro OCHA waren im Jahr 2025 rund 300 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die humanitäre Katastrophe im Gazastreifen, der Bürgerkrieg im Sudan, aber auch langanhaltende Konflikte im Jemen, der Demokratischen Republik Kongo oder der Krieg gegen die Ukraine treiben die Zahl der Menschen in Not in die Höhe.
Angesichts der massiven Finanzierungslücken und auf Druck der Geberländer sahen sich die Vereinten Nationen gezwungen, eine sogenannte „Hyperpriorisierung“ vorzunehmen: Unterstützung erhalten nur noch Menschen, deren Leben unmittelbar bedroht ist. Der UN-Nothilfe-Koordinator Tom Fletcher reagierte auf diese tiefgreifende Krise mit dem „Humanitarian Reset“ – der Ankündigung, die humanitäre Hilfe grundlegend neu aufzustellen.

Das Kernprinzip: so lokal wie möglich

Künftig sollen vor allem lokale und nationale Akteur_innen humanitäre Hilfe leisten und die Federführung bei der Koordinierung lebensrettender Maßnahmen übernehmen. Als Verband unterstützen wir diesen Ansatz. Besonders wichtig ist uns dabei die Stärkung zivilgesellschaftlicher Akteur_innen. Sie können oft schneller auf Krisen reagieren und die betroffenen Menschen enger in Entscheidungsprozesse einbinden. Auch haben lokale und internationale NRO eindeutig Kostenvorteile in der Umsetzung humanitärer Mittel gegenüber großen UN-Strukturen. Leider wurden gerade die Ideen des Humanitarian Reset weitgehend ohne Beteiligung lokaler Akteur_innen und international tätiger Nichtregierungsorganisationen formuliert.

Vorausschauende Hilfe: der Weg der Zukunft

Angesichts der knapper werdenden Mittel gewinnt aus unserer Sicht die vorausschauende humanitäre Hilfe an Bedeutung. Sie muss der Weg der Zukunft sein. Es ist in der Regel wesentlich effektiver und kostengünstiger, Notfallpläne für Krisen zu verfassen, bevor sie eintreten, und überlebensnotwendige Vorräte und Saatgut vorzuhalten, als in Notlagen zu überhöhten Preisen und mit großem logistischem Aufwand zu beschaffen.

Diese Schwerpunkte – die vorausschauende Hilfe und die Lokalisierung – hat das Auswärtige Amt in seiner humanitären Strategie richtig gesetzt. Aber angesichts der drastischen Budgetkürzungen werden Mittel nun vor allem kurzfristig und reaktiv in akuten Krisen eingesetzt.

Durch die jüngst erfolgte Umstrukturierung des Auswärtigen Amts wird es nicht einfacher werden, die dringend notwendigen Reformen anzupacken. Die Planung und Vergabe der humanitären Hilfe wurden in die einzelnen Regionalabteilungen integriert. In mehreren Gesprächen konnten wir darauf hinwirken, dass zumindest ausreichend personelle Kapazitäten erhalten bleiben, um den internationalen Prozess zur Reform der humanitären Hilfe übergeordnet mitzugestalten.

Wie also kann der Weg in die Zukunft aussehen?

Angesichts des steigenden Bedarfs und der sinkenden Mittel geht der Weg nur über Reformvorschläge von unten. Damit aus der Finanzierungskrise ein Aufbruch wird, arbeiten wir eng mit unseren Mitgliedern und unseren Partnerplattformen aus dem Jemen, Pakistan und der Demokratischen Republik Kongo zusammen. Wir brauchen mehr Entscheidungsbefugnisse für Akteur_innen vor Ort, neue Finanzierungswege und eine stärke diplomatische Unterstützung für das humanitäre Völkerrecht.

Zunehmend rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie Menschen besser vor Krisen geschützt werden können, bevor akute Not entsteht. Genau hier setzt die vorausschauende humanitäre Hilfe an. Sie stützt sich auf belastbare Vorhersagen, um frühzeitig humanitäre Maßnahmen einzuleiten. So lassen sich die Folgen von Katastrophen verhindern oder zumindest deutlich abmildern. Diese Handreichung erläutert die grundlegenden Elemente vorausschauender humanitärer Hilfe und gibt Organisationen nützliches Wissen und Werkzeuge für ihre praktische Arbeit an die Hand.